Neue Mittel und Fähigkeiten machen die Deutsche Marine zukunftsfähig

Mit den Spezialisierten Einsatzkräften Marine wurde ein Verband geschaffen, in dem spezifische Fähigkeiten zur Auftragserfüllung der Marine und darüber hinaus der Streitkräfte zusammengefasst sind. Die drei Komponenten Kampfschwimmer, Minentaucher und Boardingsicherungssoldaten werden im gesamten Einsatzspektrum der Bundeswehr mit Konzentration auf maritime Umfelder eingesetzt. Darüber hinaus stellen Marineschutzkräfte die land- und seeseitige Absicherung maritimer Einheiten und derer ortsgebundener Einrichtungen im Einsatzgebiet sicher. Marineschutzkräfte und die Spezialisierten Einsatzkräfte Marine übernehmen im Rahmen von force protection und aufgrund ihrer hochspezialisierten Fähigkeiten einen unverzichbaren Beitrag in der Ausrichtung zu einer »Expeditionary Navy« und bei der Umsetzung der Konzeption »Basis See«.
Die Fregatten der Klasse 124 sind in Dienst gestellt. Mit ihnen verfügen wir über modernste Einheiten zur Luftverteidigung gegen Flugzeuge und Flugkörper. Sie besitzen eine hoch entwickelte Sensorik und auch eine Nachrüst-Option zur Teilhabe an seegestützter Abwehr ballistischer Flugkörper. Auch die Niederländische Marine entwickelt ihre Fregatten, die zum großen Teil baugleich sind, genau in diese Richtung. Wir sind an deren Erprobungen beteiligt, verfolgen das sehr genau und wollen zumindest die Option behalten, ihren Entwicklungen dort zu folgen, wo sie erfolgreich sind. Auch um diese Fähigkeit, die ja sowohl in der KdB als auch in den Verteidigungspolitischen Richtlinien und im Weißbuch hoch priorisiert ist, verfügbar zu machen. Wir brauchen sie auch dringend in den Einsätzen zur Entlastung der Führungsfregatten F1 23.
Vier Fregatten der Klasse 125 sind unter Vertrag. Das Parlament hat der Beschaffung im Juni dieses Jahres zugestimmt. Die F1 25 wird für mehrjährige Stabilisierungseinsätze optimiert sein. Ihr Fähigkeitsprofil ist in erster Linie für Maritime Interdiction Operations ausgelegt, also für das, was uns aktuell in den Einsätzen besonders beschäftigt. Sie ist aber auch darüber hinaus in der Lage, taktische Feuerunterstützung von See an Land zu leisten und sie wird auch befähigt sein, Spezial- und spezialisierte Kräfte von See aus zu unterstützen. Sie wird sehr viel effektiver und effizienter sein als unsere bisherigen Schiffe. Wir haben hier eine Menge investiert, um Materialerhalt und Betrieb über den Lebensweg hinweg möglichst gering zu halten. Wir erwarten uns aus diesen Investitionen Einsparungen während der Betriebsperiode. Die Fregatte 125 hat ein sehr innovatives technologisches Konzept. Wenn man ein Schiff ohne größere Instandsetzungen bis zu zwei Jahre im Auslandseinsatz halten will, dann bedeutet dies, dass die einzelnen Systeme natürlich eine sehr hohe Zuverlässigkeit aufweisen müssen. Darüber hinaus erfordert die personelle Durchhaltefähigkeit eines solchen Schiffes die Ausstattung mit zwei Besatzungen.
Die Indienststellungen der ersten beiden Korvetten K130 von insgesamt fünf Schiffen gleicher Baureihe stehen unmittelbar bevor. Mit diesem Waffensystem erwarten wir eine nachhaltige Erhöhung der Durchsetzungs- und Durchhaltefähigkeit im multinationalen Verbund, auch bei Operationen in weit entfernten Weltmeeren und Randmeeren.
Das U-Boot 212 A, zweites Los, ist unter Vertrag und wird in den Jahren 2008 und 2012 zulaufen. Damit erhöhen wir die operative Reichweite durch den Außenluftunabhängigen Antrieb ganz erheblich. Die Boote verfügen über eine leistungsstarke Sonargeräteausstattung und die Fähigkeit zur verdeckten Operation; auch zur verdeckten Unterstützung von Einsätzen an Land, z.B. durch Aufklärungsunterstützungen. Neben aller asymmetrischen Gefährdung müssen wir nach wie vor auch in der Lage sein, in regionalen konventionellen militärischen Auseinandersetzungen unseren Beitrag zu leisten. Dabei hat das U-Boot seine Rolle in der dreidimensionalen U-Jagd und auch in der Bekämpfung konventioneller Überwassergegner.
Die acht von den Niederlanden erworbenen Seefernaufklärer P-3C-Orion werden zurzeit in Nordholz einsatzfähig gemacht. Wir brauchen diese Maschinen dringend, vor allen Dingen in den Einsätzen, auch um unsere Fregatten im Operationsgebiet entlasten zu können. Zum Beispiel am Horn von Afrika ist ein Maritime Patrol Aircraft sehr gut einsetzbar und wird auch immer wieder gerade dort von den USA angef ragt. Wir gehen davon aus, dass es bis zum Ende dieses Jahres gelingt, eine P-3C verlegefähig und einsatzklar zu haben.
Sorge bereitet uns allerdings der Zulauf des Marinehubschraubers MH90. Der Rüstungsrat hat aus Finanzgründen entschieden, die Planungen auf 30 Hubschrauber MH90 zu reduzieren. Der Zeitpunkt der Einführung ist derzeit wieder offen, da es technische Probleme im Bereich des Radars, der Navigationssysteme und im Bereich des Fahrwerks gibt. Die Industrie ist aufgefordert, Lösungen zu entwickeln. Wir halten planerisch noch an einem Beschaffungsvertrag für Ende diesen Jahres, bzw. Anfang nächsten Jahres fest. Aber es ist jetzt schon absehbar, dass der Zulauf nicht wie ursprünglich geplant vonstatten gehen wird. Das führt unter anderem dazu, dass wir Alternativen prüfen, wie z.B. die Verlängerung des Waffensystems SEAKING MK 41.
Ein dritter Einsatzgruppenversorger (EGV) ist im Bundeswehrplan 2008 abgebildet. Wir gehen davon aus, dass wir im April nächsten Jahres einen endverhandelten Vertragsentwurf für diesen dritten EGV haben werden und stellen uns auf eine parlamentarische Behandlung im Sommer des nächsten Jahres ein. Damit wäre vom planerischen Ansatz her eine Indienststellung in 2012 denkbar.
Um die Marine auch weiterhin zukunftsfähig auf Kurs zu halten, ist es aber auch erforderlich, schon jetzt über den Beginn des nächsten Jahrzehnts hinaus die Planungen einzuleiten. Es kommt darauf an, aus den Erkenntnissen, die auf den großen Themenfeldern Basis See und Maritime Sicherheit erarbeitet werden, neue Forderungen für eine zukünftige Order of Battle abzuleiten. Im Mai dieses Jahres habe ich daher zwei neue Projekte in den Bundeswehrplan 2009 aufnehmen lassen. Es handelt sich einerseits um Unterstützungsschiffe, die derzeit die Arbeitsbezeichnung »Joint Support Ship« (JSS) tragen. Mit Ihnen wird auch der Forderung nach einer Gesicherten Militärischen Seeverlegefähigkeit, einer Kernfähigkeit der Basis See, mittelfristig Rechnung getragen. Das andere Projekt soll die Nachfolge der Schnellboote der Klasse 1 43A sicherstellen. Die den Stabilisierungskräften zugeordneten Einheiten sollen von sechs Korvetten eines neuen Typs abgelöst werden. Auch dürfen wir uns grundlegenden neuen technischen Entwicklungen nicht verschließen. So werden wir im Rahmen der Optionen für den Einsatz direkt unter fremden Küsten prüfen, zukünftig kleinere, schwer bekämpf bare und wenn möglich unbemannte (Sub-) Systeme zum Einsatz zu bringen.

Stellenwert der Marine im Einsatz nimmt zu

Die Rolle der Seestreitkräfte als Instrument der Sicherheitspolitik hat sich verändert. In einer globalisierten Welt nimmt der Stellenwert der Marine im Einsatz als ein entscheidendes Instrument deutscher Sicherheitspolitik zu. Terrorismus, Proliferation sowie fragile Staatengebilde sind die ursächlichen Gefährdungen, mit denen sich die Streitkräfte heute konfrontiert sehen. Aber auch angesichts wirtschaftlicher, maritimer vom Export bestimmter Abhängigkeiten Deutschlands müssen angemessene Vorkehrungen getroffen werden. Zukünftig wird es mehr denn je auch darauf ankommen, die speziellen Fähigkeiten des Heeres, der Luftwaffe und der Marine zielgerichtet und aufeinander abgestimmt einzusetzen. Der konzeptionelle Ansatz, die See als Basis für streitkräftegemeinsame Operationen zu nutzen, bietet dafür eine zukunftsgerichtete und auftragsorientierte Grundlage. Die Marine stellt der Bundeswehr die benötigten maritimen Fähigkeiten bereit, die erforderlich sind, um konventionellen und vor allem asymmetrischen Bedrohungen auf und von See aus zu begegnen. Damit ist die Marine von hoher Relevanz und sie wird sich dahingehend weiter entwickeln, auch zukünftig in weit entlegenen Gebieten, ggf. auch unter Bedrohung vor fremden Küsten, aber vor allem weiterhin in multinationaler Einbindung operieren zu können. Der Preis dafür ist hoch. Die Einsatzbelastungen unseres Personals und die Einsatzauslastungen unseres Materials sind immens. Das erfordert von uns die konsequente Beschäftigung mit kreativen und vor allem umsetzbaren Personaleinsatz-und Materialnutzungskonzepten. In der Materialerhaltung sind die Untersuchungen zur Kostenbegrenzung weit fortgeschritten. Wir erwarten hier zukünftig deutliche Einsparungen und damit natürlich auch positive Rückwirkungen auf zukünftige Investitionen.
Somit befindet sich die Marine, wie die Streitkräfte insgesamt, in einem stetigen Anpassungsprozess. Ändern sich die Rahmenbedingungen, müssen wir Strukturen und die Organisation flexibel nachsteuern, mit dem Ziel die Einsatzfähigkeit zu verbessern und kontinuierlich auf hohem Niveau zu halten. Das ist die eigentliche Transformationsleistung.     
 

Vizeadmiral Wolfgang Nolting ist Inspekteur der Marine.

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