Symposium »Geschützte Fahrzeuge für
Landstreitkräfte«

Die Bundesakademie für Wehrverwaltung und Wehrtechnik führte mit der Unterabteilung Rüstung V des BMVg sowie dem Förderkreis Deutsches Heer e.V. (FKH) vom 4. bis 6. November 2008 in Mannheim ein Wehrtechnisches Symposium als Gemeinschaftsveranstaltung durch. Das Thema »Geschützte Fahrzeuge für Landstreitkräfte« beinhaltete die bisher dargestellte Problematik und stieß auf großes Interesse. Zahlreiche Fachleute aus den Streitkräften, der Wehrverwaltung und dem Rüstungsbereich, von wehrtechnischen Firmen, aus Fachmedien sowie Mit-glieder des FKH waren der Einladung gefolgt. Im Symposium wurde deutlich, dass man einerseits mit dem konzeptionellen Ansatz zur Beschaffung »Geschützter Fahrzeuge« den richtigen Weg gewählt hat, andererseits nicht alle Vorstellungen reibungslos umsetzbar sind. Marktverfügbare Fahrzeuge zu nutzen und mit Adaptionen schnell verfügbar in die Einsätze zu bringen, ist ein gutes Ziel. Nicht immer ist es möglich, in kurzer Zeit alle Forderungen des militärischen Bedarfsträgers zu decken. Die Gefahr, dass nicht ausgereifte Modelle »auf den Hof« gestellt werden, ist gegeben und erfordert dann weitere Untersuchungen und Zeitverluste. Es wurden auch einige Schwierigkeiten in der Anwendung des CPM-Verfahrens mit Blick auf den hohen Zeitdruck sowie bei der Zusammenarbeit der verschiedenen Mitwirkenden angesprochen. Es wurde deutlich, dass von den drei treibenden Faktoren Zeit, Kosten und Qualität nur zwei jeweils erfüllbar sind. Da die Kosten weitgehend festgeschrieben sind (oder ansteigen), können Lösungen nur durch Qualitätsminderung (was niemand will!) oder Zeitverluste (was auf Kosten der Truppe im Einsatz geht!) erzielt werden. Hier den jeweils richtigen Ansatz zu finden, muss das Ziel bleiben und erfordert enges und durchgehendes Zusammenwirken im laufenden Prozess. Die Zusammenarbeit mag vielleicht noch verbessert werden können. Allerdings zeigt das Beispiel GFF, hierbei insbesondere GFF 1, dass die Beteiligten im Laufe der Untersuchungen nicht nur zu Erkenntnissen kommen, sondern auch gemeinsam neue Wege suchen, Forderungen an Realitäten anpassen und Lösungswege finden. Es wurde auch deutlich gemacht, dass mit einem verbesserten Schutz der Einsatzkräfte die Bedrohung wiederum anwächst; der Gegner passt sich an. Das bedeutet, dass das Thema Schutz fortlaufend betrachtet und neuen Risiken angepasst werden muss. Sozusagen eine »never ending story« und damit kostenträchtig. Aus dem Bereich der Rüstungswirtschaft und -forschung wurden neueste Entwicklungen und technische Lösungsmöglichkeiten für Fahrzeugfamilien und Gesamtsysteme sowie Schutztechnologien vorgestellt. Insgesamt wieder einmal ein befruchtendes Symposium, vor allem, da Beteiligte aus allem Bereichen zusammengeführt und ins Gespräch gebracht werden.

Gefechtsfahrzeuge

Zum Schluss noch ein Hinweis auf Gefechtsfahrzeuge. Offiziell gelten diese nicht als geschützte Fahrzeuge, aber als Panzer-oder gepanzerte Fahrzeuge bieten sie natürlich neben ihren Fähigkeiten als Wirkmittel des Heeres einen sehr hohen Schutz in allen Arten von Einsätzen bis hin zum hochmobilen Gefecht. Neue Einsatz- und Gefechtsfahrzeuge stehen unmittelbar vor ihrer Einführung. Hierzu gehören vor allem der SPz PUMA, das GTK BOXER und der WIESEL 2 in verschiedenen Varianten, wie z.B. mit der Panzerabwehrrakete TOW oder als Mörserkampfsystem 120mm. Aber auch Kampfwertsteigerungen bei bereits bewährten Fahrzeugen sind von Bedeutung. Hierzu zählen Vorhaben beim Kampfpanzer LEOPARD 2, der Panzerhaubitze 2000 oder dem Mittleren Artillerieraketensystem im Verbund mit der neuartigen Lenkrakete »Guided Multiple Launch Rocket System«. Die Nutzung des Späh- und Beobachtungspanzers FENNEK als erstes Basisfahrzeug für die neuen »Joint Fire Support Teams« im Rahmen der Streitkräftegemeinsamen Taktischen Feuerunterstützung ist ebenso zu nennen.
Der Schützenpanzer (SPz) PUMA ist als modernes, modulares Waffensystem der Panzergrenadiere (PzGren) das wichtigste Beschaffungsprojekt des Heeres. Hauptauftragnehmer ist die Firma Projekt System & Management, ein Joint Venture der Firmen KMW und RLS. Der SPz erfüllt die Fähigkeiten, die aktuelle Einsatzerfahrungen von modernen und zukunftsorientierten Gefechtsfahrzeugen verlangen. Hierzu zählen zum Beispiel die schnelle, weltweite Verlegbarkeit im neuen Transportflugzeug A400M, hohe taktische Beweglichkeit, überlegene Wirksamkeit, Durchsetzungsfähigkeit, ein bedrohungsgerechter Schutz, Platz für die PzGren-Gruppe mit neun Soldaten und nicht zuletzt die Befähigung zu einer netzwerkbasierten Operationsführung. Der SPz PUMA beinhaltet rundum technologische Spitzenleistungen, wie z.B. den weltweit besten kombinierten Schutz seiner Klasse mit modularer Panzerung bei neuartigen Schutztechnologien. Der PUMA hat den ersten unbemannten Turm eines SPz mit einer stabilisierten 30 mm MK 30-2/ABM mit 200 Schuss pro Minute. Die Munition besteht aus Vollgeschossen sowie unterkalibriger Munition (APFSDS-T) gegen leicht gepanzerte Fahrzeuge auf 2.000 m bzw. 3.000 m. Mit der Air Burst-Munition (Zeitzündertechnologie) können harte, weiche und auch Luftziele bis 3.000 m direkt, auf größerer Fläche und auch hinter Deckungen variabel bewirkt werden. Eine Sprengkörperwurfanlage 76mm am Heck mit sechs Schuss kann im Nah-/Ortskampf bis 65 m wirksam unterstützen. Aktive Selbstverteidigungssysteme sollen integriert werden. Das System EUROSPIKE LR wird als »Mehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörpersystem« (MELLS) für die PzGren auf dem SPz PUMA integriert. Hersteller ist das Konsortium EuroSpike, ein Zusammenschluss von Rheinmetall (RM), Diehl und der israelischen Fa. Rafael. Dieses moderne System soll zur Bekämpfung von Panzern, Hubschraubern und Infrastruktur/Befestigungen unter allen Sichtbedingungen bis 4.000 m Entfernung dienen. Für die acht PzGrenBtl und weitere Dienststellen des Heeres werden 405 SPz ab 2010 bis 2019 beschafft. Die Nachweisführung einschließlich einer Einsatzprüfung soll bis Ende März 2009 erfolgen. Vorbehaltlich der Zustimmung des Parlaments soll bis Ende Juni 2009 die Option der Serienfertigung ausgelöst werden.
Mit dem GTK BOXER erhält die Infanterie das erste wirklich geschützte Fahrzeug und ein wahres »Mutterschiff« für seine Kräfte. In deutsch-niederländischer Partnerschaft getätigt, wird die Version 8x8 durch die Fa. KMW und RLS entwickelt. Für Deutschland werden ein Gruppentransport-, ein Führungs- und Sanitätsfahrzeug beschafft. Das GTK BOXER bietet ein für Radfahrzeuge weltweit einmaliges Modell dieser Schutzklasse und ist durch eine gelungene Kombination von Modularität, Mehrrollenfähigkeit, Mobilität, Schutz und Aufwuchspotenzial gekennzeichnet. Hervorzuheben sind: Modulbauweise mit mehrwandigem Wannenaufbau, Schutz gegen alle bekannten Minen, Wirkmittel von oben und direkten Beschuss von allen Seiten bis 25 mm x 137 MK, Platz für bis zu 11 Soldaten, luftverlegbar mit dem Transportflugzeug A400M, Bewaffnung mit 12.7 MG oder einer 40 mm Granatmaschinenwaffe in geschützten Waffenstationen. Die Führungsfahrzeuge BOXER werden mit entsprechender Führungs-/Fernmeldeausstattung zur Integration in das FüInfoSysH befähigt. Die Gruppentransportfahrzeuge der Infanterie werden die Schnittstelle sein, um das System »Infanterist der Zukunft« (IdZ) in dieses Führungssystem einzubinden. IdZ ist ein geschlossenes, innovatives Ausrüstungssystem der Infanterie- und PzGren-Gruppe und ihrer Soldaten. Das GTK BOXER bzw. der SPz PUMA und das System IdZ zusammen bringen der Infanterie- und der PzGren-Truppe einen enormen technologischen Sprung nach vorne und erhöhen deren Einsatz- und Schutzwert gewaltig. Zurzeit werden Untersuchungen an fünf Prototypen des BOXER durchgeführt. Der Zulauf der ersten der insgesamt gut 400 GTK BOXER könnte 2009 erfolgen. Für das deutsche Heer ist ein 1. Los von 190 GTK BOXER, davon 125 Transport- und 65 Führungsfahrzeuge, eingeplant.
Der Kampfpanzer (KPz) Leopard 2 A5/6 gilt als einer der leistungsfähigsten Kampfpanzer in der Welt. Der Panzer des Generalunternehmers KMW mit der 120 mm L44 Glattrohrkanone der Fa. RM zeichnet sich durch eine optimale Kombination aus Feuerkraft, Schutz, Mobilität und Führbarkeit aus. Die verbleibenden 350 KPz der Panzertruppe des Neuen Heeres wurden durch Kampfwertsteigerungen in ihrer Wirksamkeit, u.a. durch eine Zusatzpanzerung sowie ein verlängertes Rohr mit neuer leistungsgesteigerter Munition, verbessert. Einen zusätzlichen Minenschutz gegen Panzerabwehrminen erhielten 70 KPz. Weitere Nachrüstungen sind für alle KPz LEOPARD 2 ab 2010 als »Anpassung an das erweiterte Auf gabenspektrum« angedacht. Hierdurch soll die Panzertruppe für die gesamte Bandbreite der Optionen und den Einsatz unter asymmetrischen Bedrohungen befähigt werden. Zu den Maßnahmen zählen z.B. die Verbesserung von Rundum-Sicht und -Schutz gegen Wirkung von oben/ hinten, Integration in das IFIS der Kampftruppen sowie Geschosse 120 mm HE tempierbar mit 5.000 m Reichweite. Zusätzlich soll auch die Einsatzbefähigung im bebauten Gelände ab etwa 2012 an 50 KPz UrbOps verbessert werden. Die Fa. KMW hat bereits einen KPz LEOPARD 2 PSO (Peace Support Operation) entwickelt. Das Heer denkt an begrenzte Nachrüstungen, u.a. mit Räumschild, Außensprechanlage undWeißlichtscheinwerfer. Auch hier soll eine Waffenstation den Einsatz von einem MG sowie nichtletalen Wirkmitteln unter Schutz ermöglichen.
Die Bundeswehr hat sich auf die Bedrohungen in den neuartigen Einsätzen ausgerichtet und unternimmt zahlreiche Anstrengungen, um dabei auch den Schutz der eigenen Kräfte weitmöglich zu erhöhen. Nicht alle notwendigen Handlungen der Soldaten können umfassend geschützt werden. Dieses kann auch die Weisung des Bundesministers der Verteidigung, nur noch in geschützten Fahrzeugen zu fahren, nicht vollständig bewirken. Aber alle Maßnahmen zum Schutz, wie taktische Verfahrensweisen, Ausbildung, Aufklärung, Counter-IED-Mittel und vieles mehr haben und werden den Schutz unserer Soldaten im Einsatz erhöhen. Die Verbesserung auf dem Gebiet der »Geschützten Fahrzeuge« trägt wesentlich dazu bei. Hier wurde der Stand in den vergangenen Jahren schon beträchtlich verbessert. Er muss und wird aber noch erhöht werden müssen, um Verluste weitgehend zu minimieren und die Einsatz- und Durchhaltefähigkeit der Bundeswehr in den Einsätzen zu gewährleisten. Noch mehr als bei anderen Rüstungsvorhaben gilt hier, dass die Absichten im Bundeswehrplan und die Appelle und Zusagen der politisch Verantwortlichen mindestens eingehalten werden. Wenn man es ehrlich meint, muss man jedoch eingestehen, dass die geplante Beschaffung geschützter Fahrzeuge im »Korridor« mit 5.500 GFF/GTF und somit rund 28 Prozent des Bedarfs bis 2015 zu wenig ist und zu spät kommt, um alle erforderlichen Bewegungen unserer Soldatinnen/Soldaten in den Einsätzen der Bundeswehr geschützt sicherzustellen.    
 

Oberst a.D. Dietmar Klos ist Sonderkorrespondent EUROPÄISCHE SICHERHEIT für Heeres- und Rüstungsthemen.

leserbrief